K(l)eine Abhandlung zur Stimmung

Oder: Auch mal nicht gleichstufig stimmen lassen?


- Dieser Artikel ist etwas mehr Theorie für ganz Interessierte -

Doch es gilt: Die beste Stimmung ist die, mit der Sie zufrieden sind!

(Dieser Beitrag kratzt an der Oberfläche, aber lässt auch ein wenig die Substanz durchscheinen. Es soll ein Eindruck über die Vorteile, Unzulänglichkeiten und damit verbundenen Probleme mit der heutigen „Standardstimmung“ aufgezeigt werden).

 

„Das wird einfach mal gestimmt“ → So einfach ist es dann doch wieder nicht, denn es gibt nicht die  Stimmung schlechthin. Ohne Frage gibt es seit geraumer Zeit (ca. 150 Jahre (plusminus)) eine verbreitete Art des Stimmens, die es uns erlaubt, ein Klavier in allen Tonarten spielen zu können → die sogenannte „gleichstufige Stimmung“, oft –  nicht ganz richtig synonym – als „Wohltemperierte Stimmung“ bezeichnet. Beides ist nicht dasselbe.

 

In der gemeinhin und überwiegend gebräuchlichen Stimmung (also der heute üblichen „gleichstufigen Stimmung“) wird die Oktave (bestehend aus 12 Halbtonschritten) in exakt verhältnismäßig gleichgroße Abstände aufgeteilt. Dadurch ist die Quinte (die in der Forschung auf Pythagoras von Samos zurückgeht), das Fundamentum. Diese darf aber nicht rein, sondern muss um einen kaum hörbaren Unterschied (ca. 2 Cent) verstimmt sein (man kann dies eine „schwebende Quinte“ nennen). Das hat zur Folge, dass alle anderen Intervalle (vor allem Terzen und Sexten) extrem stark schweben (ich bezeichne es gern als „zittern“). Diese starke Ungenauigkeit (gezielte Verstimmung) ist unumgänglich für eine Stimmvariante, die es einem erlaubt, durch alle Tonarten frei zu modulieren, ohne dass eine verstimmter klingt als die andere bzw. unbrauchbar ist. Und wir haben uns in den letzten ca. 150 bis 180 Jahren ziemlich gut dran gewöhnt.
Allein der Physiker Hermann Helmholtz wollte lieber auf seinem „reingestimmten“ (terzrein, wohl mitteltönig gestimmten) Harmonium spielen, da ihm die neue Art der stärkeren Gleichstufikeitg „Angst“ bereitete.

 

„Wohltemperiert“ hingegen ist nicht gleichstufig, aber es ist ziemlich nah dran. Diese Erkenntnisse gehen auf Andreas Werckmeister zurück, auf dessen Grundlage man die heutige Gleichstufigkeit zurückführen kann.

Somit ist das „Wohltemperierte Klavier“ von Johann Sebastian Bach keine Hommage an die Möglichkeit, durch alle Tonarten zu modulieren, ohne dass es nicht von Tonart zu Tonart unterschiedlich klingt. Tatsächlich sind die Werckmeister-Stimmungen unterschiedlich in den Schwebungen der Quinten und Terzen, so dass in manchen Tonarten die Terzen und Sexten etwas „sauberer“ in anderen dafür etwas unschöner (schärfer) klingen. Das ist und war so gewollt. Denn nur somit hat es sich ergeben, dass jede Tonart ihre jeweilige Charakteristik (s. Rameau) hatte – nicht umsonst steht Beethovens 5. Sinfonie sowie die 8. Sonate (Pathétique) in c-Moll und nicht in d-Moll; dessen 6. Sinfonie nicht umsonst in F-Dur (welche sehr ländlich klingt, was sich bei einer „pastoralen“ Sinfonie sehr anbietet, da F-Dur halt eine eher  „ländliche Tonart“ war). G-Dur oder E-Dur wären da gar nicht mehr gegangen. Dafür steht Händels Feuerwerksmusik in E-Dur: Seinerzeit die „höchstmögliche“ (damit auch „göttliche“) Tonart, die noch „gerade so“ gut klang, das Werk in jener Tonart zu schreiben. „Höchstmöglich“ ist auch in dem Sinne zu sehen, dass ja ein Feuerwerk sehr hoch steigen muss.

Das bedeutet, dass durch die ungleichen Stimmungen die Wahl der Tonart wesentlich beeinflusst wurde und damit äußerst bewusst erfolgte.

 

Das ist heute weniger der Fall. Viele sagen auch, dass es heute egal wäre, ob man in C-Dur oder in Es-Dur spielt. Prinzipiell ist es das, dennoch haben die Tonarten meiner Meinung nach nicht absolut vollständig ihren Charakter verloren, da eine große Terz (C-E) weniger schwebt als die große Terz Es-G. Das ist der sogenannten Schwebungs-Progression geschuldet, dass die Schwebungen (das „Zittern“) pro Halbtonschritt immer stärker/schneller werden. Demnach klingt z.B. Es-Dur um einen „Hauch“ schärfer als C-Dur.

 

Pythagoras von Samos: Diesen kennen die meisten eigentlich nur aus dem Mathematikunterricht, meist Klasse 9, im Zusammenhang mit einem rechtwinkligen Dreieck und der bekannten, vereinfachten Formel: „a²+b²=c²“.

Das ist aber nicht sein einziges Verdienst. Auf seine musikalischen Erkenntnisse (Teilung einer Saite) fußt bis heute die gesamte Klavierstimmtheorie und -praxis.

Die schon oben angesprochene leicht verkleinerte (verstimmte) Quinte ist eine Folge seiner Erkenntnis. Denn: Würden wir nach Pythagoras' Erkenntnis alle Quinten mathematisch sauber stimmen (nach 12 Quinten müssen wir wieder am Ausgangston ankommen), kämen wir aber am Ende eine gute Achteltonhöhe zu hoch an.

Damit schließt sich der Quintenzirkel nicht, sondern wir „schießen“ drüber hinaus, um halt ca. einen achtel Ton (knapp 24 Cent). Diese Differenz zwischen dem gewünschten Soll und dem, was nach Pythagoras' Erkenntnissen herauskommt, nennt man das sogenannte „Pythagoräische Komma“.


Was macht der Klavierstimmer mit dieser Erkenntnis?
Die Aufgabe eines Klavierstimmers ist es, dieses „Komma“ auf alle 12 Quinten, die es innerhalb einer Oktave gibt, gleichmäßig zu verteilen. Das ist ein kaum hörbarer Tonunterschied (für die Interessierten unter den Lesern: Es sind ca. 2 Cent; das „Pythagoräische Komma“ beträgt (s.o.) ganz knapp 24 Cent → 1 Cent ist der hundertste Teil eines Halbtonschritts → von einer Taste zur nächsten also sind es in der gleichstufigen Stimmung demnach genau 100 Cent).

 

Damit sind aber die Erkenntnisse von Pythagoras nicht weniger wert. Im Gegenteil: Denn durch diese Versuche hat er die bis heute gültige (weil Naturgesetz) Obertonreihe entdeckt, die einerseits wichtig für das Stimmverfahren selbst, andererseits aber auch wichtig für die Nutzung von Naturinstrumenten (bspw. Fanfaren) ist. Fanfarenmusik klingt deshalb so typisch, weil sie nur auf den Naturtönen (entdeckt durch Pythagoras) basiert. Und auch das „Justieren“ der Schwebungen geschieht innerhalb der Obertöne.

 

Na gut: Stimmen wir also ein Klavier, bei dem die Quinten 2 Cent tiefer sind, und alles ist gut.

 

So einfach ist das leider nicht. Denn erstens hat dieses Stimmverfahren lange gebraucht, sich durchzusetzen (weil eben auch die Terzen und Sexten relativ schrecklich klangen (und sie tun dies bis heute, wenn man mal genau hinhört; nur haben wir uns dran gewöhnt und kennen kaum etwas anderes)), zweitens gibt es gerade wegen dieser Unzulänglichkeit seit mehreren Jahren unterschiedliche Ansätze das „Pythagoräische Komma“ auf anderer Art und Weise zu verteilen. Weniger auf die Quinten, als eher auf die Oktaven.

Am Ende der 1980er Jahre fruchtete dies in der sogenannten „Stopper“-Stimmung, benannt nach Bernhard Stopper (9.8.1961 - 3.8.2021), der den Ansatz der oktavierten Quinte (sogenannte Duodezime) verfolgt – ebenfalls eine Art der Gleichstufigkeit!

 

Jeder Vorteil wurde aber schon immer mit einem Nachteil erkauft:

Der Vorteil an dieser Stimmung ist, dass Akkorde, egal in welcher Tonart, so rein klingen, als gäbe es keine Schwebungen mehr (sog. Schwebungsmaskierung). Das „Pythagoräische Komma“ wird so gut wie nicht auf die Quinten, sondern hauptsächlich auf die Oktaven verteilt. Das Ohr ist sehr tolerant, was Oktaven angeht und erkennt diese bis zu einem gewissen Grad immer noch als „rein/sauber“, obwohl sie das schon nicht mehr ist, was hier der Fall ist.

Bei Zweistimmigkeiten (bspw. Bach'sche Inventionen), die in Klavierwerken auch mitunter vorkommen, hat das aber in meinen Ohren den Nacheil zur Folge, dass vor allem die Dezimen (und dadurch auch die Terzen) für den ein oder anderen „schärfer“ klingen, als wir es gemeinhin gewöhnt sind, und diese damit individuell unangenehm sein können (nicht müssen) – je nach Hörgewohnheit. Mit einem weiteren Intervall, was sich zu einem Akkord ergänzt, sind diese Schwebungen nicht mehr zu hören. Hier beginnt also die "Maskierung" in der "Symmetrie" der Intervalle --> große Terz in Verbindung mit kleiner Terz und umgekehrt...

Man muss aber auch dazu sagen, dass man sich an bestimmte Intervallverhältnisse bzw. Ungenauigkeiten gewöhnen kann, so wie es auch über 100 Jahre brauchte, bis die heute verbreitete gleichstufige Stimmung perfektioniert und im Ohr beim Hörer, Komponisten und Pianisten „angekommen“ ist.
Dieses „Gewöhnen“ ist auch der Grund, weshalb man manchmal gar nicht mehr hört, dass ein Klavier verstimmt ist, weil man sich auch Dinge „schön-hören“ kann. Erst wenn ein anderer zu uns kommt und uns darauf aufmerksam macht, erschrecken wir möglicherweise.

Dazu ein Zitat des Klavierbauers Otto Funke aus dem Buch „Das Klavier und seine Pflege – Theorie und Praxis des Klavierstimmens“ aus dem Jahre 1940, 7. unveränderte Auflage 1990; Seiten 66 und 70:

‚Da lobt jemand sein Klavier, daß es seit mindestens acht Jahren nicht gestimmt sei, aber noch sehr schön klinge, und der andere übertrumpft ihn noch damit, daß sein Klavier, welches vor fünfzehn oder noch mehr Jahren neu und sehr teuer gekauft wurde, überhaupt noch nicht zu stimmen nötig, da es sehr solid gebaut sei!‘ (Ebd. Seite 66.)

‚Recht bedauerlich ist es deshalb, daß selbst oft stärkste Verstimmungen eines Klaviers von seinem Besitzer gar nicht gehört oder empfunden werden, ja daß es sogar vorkommt, daß
ihm sein Klavier nach dem Stimmen tonloser klinge als vorher! Dies ist aber wohl nur damit zu erklären, daß bei dem so stark verstimmt gewesenen Klavier bald jede Saite eine andere Tonhöhe hatte, also das Klavier gegen 220 verschiedene Tonhöhen aufwies, während es nach der fachgemäßen Stimmung nur noch 85  bzw. 88 Tonstufen [...] haben darf! Hiernach darf man wohl mit Recht behaupten, daß man sein Gehör durch Gewöhnung an Verstimmung [...] verderben kann, und es liegt hierin eine große Gefahr der Gehörsverbildung insbesondere für Kinder als Anfänger im Klavierspiel.‘ (Ebd. Seite 70.)

Daraus resultierend ist zu sagen, dass wenn man möglicherweise ein Klavier geschenkt bekommt, um zu gucken, ob die Kinder daran Interesse haben, es unbedingt zu stimmen und auch wenigstens etwas grob (für den Anfang) zu regulieren ist. Nicht nur, dass man sich, wie erwähnt, das Gehör verderben kann, sondern es vergeht auch schnell die Freude, die Lust und das Interesse, sich wieder an das Klavier setzen, wenn es schlecht klingt und alles klemmt oder klappert.

Gleichstufig ist nicht gleich gleichstufig

Daneben gibt es noch eine Reihe weiterer Ansätze der Gleichstufigkeit, deren Ausführungen wesentlich zu weit führen würden. Andreas Werckmeister hat dies innerhalb der Oktave versucht (1680er Jahre); Bernhard Stopper innerhalb der Duodezime (das ist eine oktavierte Quinte, 1988). Weitere Ansätze belaufen sich auf die Verteilung des „Pythagoräischen Kommas“ innerhalb einer Doppeloktave usw…

Damit soll aufgezeigt sein, dass die Entwicklung bei weitem noch kein Ende gefunden hat (und das nach fast 300 Jahren! (nur bezogen auf die Gleichstufigkeit; bezogen auf Pythagoras sind es gut 2500 Jahre; andere Stimmungen, wie „mitteltönig“, „Valotti“, „Kirnberger“ etc. werden hier ob des Umfangs nicht berücksichtigt). 
Somit hat aber auch jeder Klavierstimmer bestimmte Vorlieben, Kenntnisse und Erfahrungen. Dessen Stimm-Verfahren bezieht sich auf unterschiedliche Erfahrungen und (Er)Kenntnisse, welche sich im Laufe der Zeit durch weitere Entwicklungen ändern können und wohl auch ändern werden. Wer weiß: Vielleicht stimmen wir in zehn Jahren schon wieder ein wenig anders.
Nichts bleibt, wie es ist.

Gleichstufig oder nicht gleichstufig? Das ist hier die Frage.

Oder: Das Klavier mal anders stimmen lassen?

Dennoch muss es nicht immer eine gleichstufige Stimmung sein:

Gerade Werke von Bach, Beethoven oder Händel, die eine Art gleichstufige Stimmung kaum kannten oder als eine von vielen parallel existierenden wahrnahmen, ist es spannend, deren Stücke so zu spielen bzw. erklingen zu lassen, wie sie vielleicht auch von der Tonartencharakteristik durch den Komponisten angedacht war (a-Moll klang halt anders als g-Moll).

Selbst Frédéric Chopin spielte nicht immer auf einem gleichstufig gestimmten Instrument.

 

Zu jener Zeit war von einigen Komponisten die sogenannte „Valotti-Stimmung“ präferiert. Diese ist relativ gleichstufig. Zugegeben: Fis-Dur klingt etwas mehr als nur „grenzwertig“, aber das war auch wiederum gewollt. Und wie oft spielte man zu jener Zeit in Fis-dur?

 

Die „Grande Sonate“ von Beethoven, die in D-Dur steht (was in Valotti sehr rein klingt), hat in der Durchführung, kurz vor der Reprise, in der Harmonie als eine Art vorübergehende Schlusswirkung (Halbschluss) Fis-Dur. Das muss einigermaßen scheußlich geklungen haben. Das sollte wohl so sein. Denn das hatte auch einen akustischen – wenn nicht gar psychischen – Effekt. Aber die Erlösung (durch die Spannungen, die die scharfen Schwebungen hervorriefen) erfolgte durch die Reprise, die wieder im schönen, wohlklingenden und damit auch wirklich erlösenden reinen D-Dur erklang.

Das Spiel mit schöneren und nicht so schönen Tonarten war auch ein Stilmittel jener Zeit – ein Stilmittel, das tatsächlich mit dem Einzug der gleichstufigen Stimmung im Prinzip so gut wie vollständig verloren gegangen ist.

Möchte man eine Sonate von Mozart, Haydn, C.P.E. Bach oder Beethoven hören, wie die Meister sie sich erdachten, dürfte man folglich jene Werke gar nicht mit unserer gleichstufigen Stimmung spielen, sondern sollte es wagen, mal eine andere Stimmung zu verwenden.

Und ganz ehrlich: Wie oft spielen Sie in Fis-Dur, Cis-Dur? Als Zwischenharmonien sind sie kurz ganz gut erträglich. Aber wie oft kommt es dazu?

Trauen Sie sich auch mal eine ungleichstufige Stimmung auf Ihr Klavier legen zu lassen.

Nicht nur in Sachen Stimmung...

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Kontakt: Klavierstimmer Lars Grote