Stimmen mit Apps
Jeder darf, kann und soll etwas an seinem Instrument tun.
Vorab: Dieser Beitrag stellt weder eine Anleitung zum eigenständigen Stimmen dar, noch soll er dazu verleiten. Es soll vielmehr die komplexe Materie angerissen werden, um Einblicke zu bekommen, was allein zum Stimmen eines Klavieres/Flügels gehört.
Doch heißt das nicht, dass nicht jeder hier und da vorsichtig etwas selbst auch tun kann.
Inhalt dieses Beitrags
- Stimmen mit Stimm-Apps?
- Mein Klavierstimmer hat ein Stimmgerät/ eine Stimm-App – kann er eigentlich stimmen? (Inharmonizität, Stimmtechnik)
- Kann damit jeder, der eine App und ein Kit für 30 € hat, sein Klavier stimmen?
- Was man mit einem Stimmgerät/einer App nicht kann
- Was man jedoch mit einem Stimmgerät kann
- Aber: Ein Klavierstimmer stimmt ja nicht nur
- Und was mache ich nun als Klavierbesitzer?
Stimmen mit Stimm-Apps?
In unserer digitalen Zeit, wo es „für alles“ eine App gibt, ist es nicht verwunderlich, sondern eher legitim, dass sich Klavierbesitzer (nicht alle) darum Gedanken machen, ob man nicht mithilfe einer App nun endlich sein Klavier selbst stimmen kann.
Nun. Bevor wir zu Apps bzw. elektronischen Hilfen kommen, sollte man sich dessen klar sein, dass man ein ganzes Klavier mal nicht in 5 Minuten, wie bspw. eine Gitarre, stimmt.
Es mag erschwingliche Werkzeugkits über bekannte Plattformen geben. Hier ist aber auch die Qualität schon eine Frage, ob der Aufsatz für die Wirbel die richtige Größe hat (darf nicht zu groß, nicht zu klein sein; ja ich habe unterschiedlichste Aufsätze, um allen Wirbelgrößen gerecht werden zu können), auch ist das Material wichtig, dass die Wirbel in ihrer Substanz nicht beschädigt werden.
Wenn ein gesamtes Kit (Stimmhammer, mit Stimmeinsatz und ein paar Stimmkeilen) bei einem Unternehmen, welches beinah wie ein Strom in Südamerika klingt, für 30€ zu erwerben ist, allein aber ein einziger Aufsatz für einen Wirbel für einen professionellen Stimmhammer ca. 60€ kostet -- Vom eigentlichen Schaft (Carbon bzw. Holzgriff mit ggf. ausziehbarem Schaft) gar nicht zu sprechen --, sollte man diese "Qualität" wohl etwas reflektierter überdenken.
Gut: Haben wir nun so ein Kit - und ich freue mich, wenn man selbst Stimmversuche unternehmen will.
Stellen sich folgende Fragen:
Wann wurde das Klavier zuletzt gestimmt?
Habe ich die Zeit und die Technik (mit Arm und Hand), wenigstens ein paar Töne zu stimmen, damit es hier und da erträglicher ist?
Siehe dazu insgesamt auch „Zur Sache des Stimmens“.
Mein Klavierstimmer hat ein Stimmgerät/
eine Stimm-App – kann er eigentlich stimmen?
Ich sage: Ja.
Dass ein Klavierstimmer eine App (z.B. "pianoscope", wie ich sie aktuell nutze; TuneLab, VeriTuner etc.) oder ein Gerät (TLA CTS 5, Accutuner) verwendet, bedeutet mitnichten, dass er nicht nach Gehör stimmen kann. Dass Klavierstimmer solche unterstützenden Mittel nutzen, geschieht aus unterschiedlichen Gründen:
Ein möglicher Grund: Auf einem Klavier, was man das 4. oder 10. Mal stimmt, ist die Stimmung gut, und in der Temperaturoktave, im Diskant und im Bass müssen nur minimal Anpassungen vorgenommen werden. Das geht mittels App (in der die Stimmung gespeichert ist) wesentlich schneller als per Gehör. Diese Stimmung ist gespeichert und kann dadurch reproduziert werden.
Weiterhin kann man ermitteln, in welchem Bereich es sich sehr stark verändert hat. Hier kann man schnell einen "Mittelwert" ermitteln, was dafür sorgt, dass beim Stimmen die Veränderungen nicht all zu groß sind und damit die Stimmung stabil bleibt. Diese Interpretation der Werte bedarf natürlich gewisser Erfahrungen.
Das Gehör ist und bleibt allerdings -- v. a. mithilfe von Prüfintervallen (Terzen, Sexten, Dezimen...), die stets angewandt werden -- immer noch der Maßstab Nr. 1 (Stichwort: Schwebungsprogression).
Zudem bedarf es jahrelanger Übung, was das sogenannte „Setzen des Wirbels“ angeht, damit der Ton nicht nach dem 5. kräftigen Anschlag wieder verstimmt ist, sprich: eine stabile Stimmung herzustellen.
By the way: Apps für Klavierstimmung sind sehr teuer (zwischen 300 € und 1000 €) und sind generell alle für den Profi-Bereich gedacht. Mit einem preiswerten Stimmgerät für Gitarren geht es nicht.
Hier geht es auch um den Part der sogenannten "Inharmonizität", den diese Profi-Apps berücksichtigen und im besten jedes Klavier individuell berechnen.
Eine solche App aber...
...hilft auch sehr gut z.B. beim Vorstimmen: Wenn ein Klavier um mehr als 3 Hz von der Solltonhöhe abweicht, muss es vorgestimmt werden. Moderne Apps berechnen, um wie viel Prozent eine Saite über/unter den Sollwert gestimmt werden muss, damit sie während der Feinstimmung stabil bleibt. Damit erreicht man eine gute Stabilität meist innerhalb eines einzigen Stimm-Termins, wofür sonst zwei oder gar drei Termine notwendig waren.
Das entlastet den Besitzer v.a. finanziell und auch in Sachen Terminfindung sowie Lärmbelästigung. Ein Folgestimmtermin nach ca 4 Wochen bleibt in aller Regel nicht aus, aber halt nur noch einer, ab welchem man dann im "Jahresturnus" ist.
Spannend: Das Herunterstimmen ist wesentlich aufwendiger als das Hochstimmen.
Ein weiterer möglicher Grund für eine App: Die akustische Belastung ist sehr groß, gerade bei 3 oder 4 Klavieren am Tag. Da kann eine App sehr hilfreich und entlastend sein.
Weiter unten wird zudem klar, dass eine App für Berufsstimmer eine Bereicherung ist.
Es ist so ähnlich, wie wenn man jahrelang ein Auto mit Schaltung gefahren ist und man auf Automatik umsteigt: Man braucht v.a. die Erfahrung im Verkehr und die Routine ;)
Es gibt zwar noch mehr Gründe, aber das sind so die wichtigsten.
Sie können Ihren Klavierstimmer gern fragen, warum er eine App oder ein Gerät verwendet. Er wird sich nicht scheuen, eine ordentliche, selbstbewusste Antwort zu geben.
Kann damit jeder, der eine App und ein Kit für 30 € hat, sein Klavier stimmen?
Dürfen schon, aber können? Ich sage: Eher nein.
Es gehört viel mehr dazu, als eine App und ein Kit für 30 € zu haben.
Es braucht vor allem: Ausdauer, Geduld und eine hohe Frustrationsgrenze (Resilienz).
Ein Klavier mit mehr als 220 Saiten innerhalb von 90 bis 120 Minuten absolut vollständig und zufriedenstellend zu stimmen, ist eine wirklich sehr hohe und zu respektierende Leistung bzw. Kunst – egal ob mit oder ohne App. Die Hörerfahrung bleibt hier nicht aus.
Ich habe genügend Videos auf einer bekannten Videoplattform gesehen, wo sich hier und da Leute mit preiswerten Apps (meist für Gitarre) daran machten, in ihrem Klavier was zu stimmen. Nach 10 Minuten war noch nicht mal ein Ton ordentlich sauber.
Ein Klavier muss an sich komplett durchgestimmt werden, wegen der Tonverhältnisse (Stichwort: gleichstufige Stimmung). Wenn die erste Stimmung gut ist und auch haltbar, muss meist beim nächsten Mal evtl. etwas weniger gemacht werden - je nach Beanspruchung.
Inharmonizität
Wie schon oben angedeutet: Nur die Profi-Apps berücksichtigen die sogenannte Inharmonizität (kurz gesagt: Ein Missverhältnis der Obertöne innerhalb der straff gespannten Saiten) – ein sehr wichtiger Punkt beim Klavierstimmen; hier kommt auch der Begriff der sogenannten „Streckung“ ins Spiel --> selbst Oktaven sind niemals vollständig rein, sondern in aller Regel immer einen "Hauch" weiter. Das muss immer und immer wieder mit dem Ohr abgeglichen werden, auch wenn Profi-Apps dieses Phänomen berücksichtigen.
Stimmtechnik
Vor allem aber kommt es auf die Technik des Stimmens an: Kann ich den Stimmhammer so bewegen, dass ich eine exakte Tonhöhe wirklich gezielt erreiche? Noch vielmehr: Dass diese bei anschließendem kräftigem Anschlag auch noch nach 10 oder 20 mal Spielens immer noch genau dort ist und sich nicht schon wieder verstimmt hat? Insbesondere bei 3 Saiten je Ton, dass diese so lange wie möglich wie "ein" Ton klingen? Das bedarf eines jahreslangen und kontinuierlichen Trainings.
Die App hilft letztlich einem Klavierstimmer, dass er bspw. 5 statt 3 Klaviere am Tag stimmen kann; in kürzerer Zeit, bei gleichbleibender Qualität (aufgrund der Stimmtechnik) und Stabilität der Stimmung, und obendrein dabei sein Gehör zu schonen – eine Art Arbeitsschutz. Aber nur aufgrund der Erfahrung - die App ist dabei nur unterstützend, nicht ersetzend.
Was man mit einem Stimmgerät/einer App nicht kann
Sauber stimmen. Das geht damit nicht, zumindest nicht in Bezug auf die sogenannte Chorreinheit (zwei bzw. drei Saiten so zu stimmen, dass sie wie genau nur eine Saite erklingen). Das geht nur mit Übung, Erfahrung und ausschließlich nach Gehör.
Auch was die gleichstufige Stimmung angeht, muss immer wieder mit Prüfintervallen verglichen werden; auch die bereits angesprochene Schwebungsprogression ist weiterhin mittels Gehör zu überprüfen.
Keine App hilft einem hierbei vollständig. Das kann nur rein per Gehör und per handwerklicher Erfahrung ausgeführt werden.
Sofern ein Klavierstimmer das hinbekommt (App hin oder her) und man selbst nach zwei, drei, vier Wochen nichts Signifikantes zu beanstanden hat, dann hat er technisch gut gearbeitet – und diese Arbeit, nein: die Kunst - dieses Handwerk - kann keine App ersetzen. Aber die App ist eine super Bereicherung.
Diese schadet der Tradition in meinen Augen nicht. Im Gegenteil: Es wird weiterhin mit der Hand und dem Werkzeug gestimmt. Hier findet keine Automatisierung statt.
Selbst Resonanzböden werden heute im Vorfeld digital optimiert, bevor man Hand anlegt und diese dann danach formt. Ja - warum denn auch nicht?
Die Digitalität ist in diesem Bereich eine Bereicherung. Warum sollte man sie also nicht nutzen?
Was man jedoch mit einem Stimmgerät kann
Oben wurde schon einiges dazu gesagt, insbesondere was das Vorstimmen eines Klavieres angeht, aber auch die Effizienz, resp. Ökonomie. Vor allem kann man durch das Abspeichern Prognosen bei bekannten Klavieren stellen: Wie stark haben sie sich verstimmt seit dem letzten Termin? Wenn, was ist die Ursache? Substanz, Umweltverhältnisse, oder -- esoterisch gesprochen: "Fühlt" sich ein Klavier vielleicht bei 438,5 Hz "wohler" als bei 440 Hz?
Auch kann ich als Klavierstimmer vorab die Töne einmessen und sehen, in welcher Region die Töne zu hoch oder zu tief sind. Dadurch kann ich mir damit ein Gesamtbild vor der Stimmung verschaffen, um zu beurteilen, wo ich jetzt das Klavier „hinstimme“, also einen "Mittelweg" finde, irgendwo um die 440 Hz, damit das Klavier die geringstmöglichen mechanischen Veränderungen erfährt, sodass es anschließend so stabil wie möglich bleibt, wenn ich das Instrument wieder verlasse.
Man ahnt hier hoffentlich, dass eine App eher eine Bereicherung für einen Klavierstimmer resp. Klavierbauer ist, als zu denken, dass man hier nun endlich mal die 90 bis 100 € pro Jahr sparen kann, den Klavierstimmer damit wohl endlich nicht mehr bestellen zu müssen...?
Es sei nachdrücklich darauf hingewiesen, dass falsche Bewegungen der Wirbel zu einem dauerhaften Schaden im Stimmstock führen können.
Aber: Ein Klavierstimmer stimmt ja nicht nur
Bloß gut....
Von den Investitionen (Stimmwerkzeug, App…) mal abgesehen, bis diese sich überhaupt amortisieren.
Die meisten Menschen sind eh frustriert, weil sie die Ausdauer und Zeit nicht aufbringen können oder wollen... Von einem Ergebnis, das man sich so nicht erhofft hat, mal ganz abgesehen.
So schaut aber ein guter Klavierstimmer auch, ob an den Einstellungen in der Mechanik Unzulänglichkeiten vorliegen, Tasten klemmen oder irgendwas klappert – Fachwissen, was eine Stimm-App niemals bieten kann.
Und was mache ich nun als Klavierbesitzer?
Ich unterstütze jeden, der den einen oder anderen Missklang in seinem Klavier beseitigen möchte, ohne dafür jedes Mal sofort einen Klavierstimmer rufen zu müssen. Dazu gebe ich auch gern eine kleine Anweisung vor Ort am jeweils eigenen Instrument. Voraussetzung ist, dass wenigstens ein kleiner Stimmhammer (sogenannte „Stimmkrücke“ meist für ca. 40 € zu erwerben; ein bis 2 Stimmkeile, was ich aber auch gern besorgen kann) vorhanden ist.
Es geht hierbei nicht um die Anweisung, ein ganzes Klavier zu stimmen – das wäre abschreckend, zu aufwendig und meist mit Frustration verbunden.
Ein Pianist ist ein Pianist und kein Klavierstimmer
Ein Pianist beschäftigt sich in der Regel mit seinem eigentlichen Tun – dem Klavierspielen, statt sich mit dem Klavierstimmen zu widmen --- genauso, wie ich als Autofahrer maximal den Ölständ prüfe und für einen vollen Tank sorge. Alles andere überlasse ich Profis. Ich konzentriere mich aufs Autofahren...
Es geht wirklich nur darum, wenn ein Ton mal richtig böse „abhaut“, zu zeigen, welcher Ton das ist und was man selbst daran machen kann, dass es einen bis zum nächsten Besuch des Stimmers nicht nervt, dass genau dieser Ton, den man so oft braucht, immer wieder fürchterlich klingt, sondern man ihn selbst etwas korigieren kann.
Im Übrigen geht das auch ohne App :)
Ein bisschen was darf, kann und soll jeder an seinem Klavier/Flügel tun dürfen.